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Digitalität und die Kulturtechnik der Verflachung

Short thesis

Unsere Welt ist dreidimensional, dennoch sind wir umgeben von bebilderten und beschrifteten, oft auch mobilen Flächen. Diese 'Kulturtechnik der Verflachung' gipfelt im allgegenwärtigen Smartphone-Gebrauch. Schon viele Künste, Wissenschaft und technische Entwurfspraktiken nutzen das Kraftfeld artifizieller Flächigkeit. Worin besteht Geheimnis und Kunstgriff künstlicher Zweidimensionalität? Was geschieht, wenn aus beschrifteten und bebilderten Flächen das elektronisch vernetzte Interface wird?

Description

Von Höhlenmalerei, über Hauttätowierung bis hin zu Bildern, Schriften, Diagrammen, Karten, Computerbildschirmen und Smartphones zieht sich wie ein roter Faden eine 'Kulturtechnik der Verflachung'. Viele Künste (Literatur, Gemälde, Choreografie, musikalische Komposition), alle Wissenschaften (Texte, Formeln, Grafen, Diagramme), technische Entwurfspraktiken und nicht zuletzt unser Alltagshandeln (Stadtpläne, Anzeigentafeln) zehren vom Einsatz artifizieller Flächigkeit. Wir leben in einer dreidimensionalen Welt, doch wir sind umgeben von bebilderten und beschrifteten Flächen, ohne welche theoretische Arbeit, aber auch Orientierungshandeln im Alltag undenkbar wären. Zwei Fragen drängen sich auf: Worin liegt das Geheimnis der Produktivität der 'Kulturtechnik der Verflachung', die in einem merkwürdig gegensinnigen Verhältnis steht zur tradierten Rhetorik vom anzustrebenden Tiefgang im Denken und zur Ablehnung aller Arten von Oberflächlichkeit? Was geschieht, wenn sich die artifizielle Flächigkeit fortbildet zum elektronisch vernetzten Interface?

Was hinter uns liegt, verkörpert in unserer dreidimensionalen Lebenswelt eine Region des Unsichtbaren und Unkontrollierbaren. Durch Projektion unserer Körperachsen von rechts/links und oben/unten auf bebilderte und beschriftete Flächen entsteht ein Sonderraum handhabbarer Zweidimensionalität, der einhergeht mit dem Versprechen von Übersichtlichkeit und Kontrollierbarkeit: Gedanken können in Argumentform verfasst, Musik komponiert und unsichtbare Körperregionen mit Röntgen und MRT visualisiert werden.

Doch dieses Transparenzversprechen erodiert. Mit dem vernetzten Interface kommt die unkontrollierbare Tiefendimension zurück: Vor dem Screen arbeiten Nutzer*innen weiterhin mit Bildern und Zeichen aller Art. Doch hinter dem Screen entfaltet sich ein wuchernder Raum unzugänglicher Interaktionen von Protokollen, Algorithmen und Maschinen, welcher von denjenigen vor dem Screen selten einsehbar und erst recht nicht kontrollierbar ist.